Vier Leben in 75 Jahren

 Karl Eyerkaufer ist ein extrem erfolgreicher WoKarl Eyerkauferhltäter

 Von Klaus Nissen

Er war Spitzenathlet, danach Schulleiter und schließlich 18 Jahre Landrat im Main-Kinzig-Kreis. Drei wichtige Kapitel hat Karl Eyerkaufer (Foto) in seinem Leben erfolgreich hinter sich gebracht. Im vierten ist er mittendrin.  Am 3.März feiert er seinen 75. Geburtstag. In einem Waisenhaus.

 Karl Eyerkaufer ist ein extrem erfolgreicher Wohltäter

43 Vorschulkinder drängen sich in einem Raum. Ein Ehepaar aus Hanau lässt gerade einen Erweiterungsbau im sri-lankischen Beruwela erreichten. Karl Eyerkaufer hat das vermittelt. Foto: Klaus Nissen

43 Vorschulkinder drängen sich in einem Raum. Ein Ehepaar aus Hanau lässt gerade einen Erweiterungsbau im srilankischen Beruwela erreichten. Karl Eyerkaufer hat das vermittelt. Foto: Klaus Nissen

Das Telefon wird am runden Geburtstag ins Leere klingeln. Der Jubilar ist nicht da. „Ich fahre nach Timisoara“, verrät Karl Eyerkaufer vorab. Als Beiratsvorsitzender der Stiftung Kinderzukunft besucht er in Rumänien und Bosnien drei Kinderdörfer. „Ich will 130 Waisenkinder zum Geburtstagsessen einladen“, sagt Karl Eyerkaufer. Das sei schöner und auch billiger als ein großer Empfang zu seinem 75. Geburtstag daheim in Hochstadt.

Seine engsten Freunde Freunde dürfen ihn Charly nennen. Für die andereren ist der Mann mit der eckigen Brille und den zurückgekämmten grauweißen Haaren eher Respektsperson. Der Landrat a.D. strahlt eine natürliche Autorität aus. Man merkt, dass er lange Chef war – und es heute noch ist. Ein Mann mit eigenem Sinn und starkem Willen.

Das zeigte der junge Eyerkaufer schon 1960 als Abiturient in Lindau am Bodensee. Er wollte in Frankfurt Mathematik und Politik studieren. Sein Vater, ein Bankdirektor, war strikt dagegen: „Was willst du denn – in Frankfurt gibt’s doch nur die Nitribitt!“. Der Sohn setzte sich durch. „Das war nicht immer leicht. Mein Vater hat mich finanziell nicht unterstützt“, erinnert sich Karl Eyerkaufer. Er schlug sich selber durch. Arbeitete am Fließband, als Schlafwagenschaffner und Schuhverkäufer.

Die 1500-Meter-Strecke war war die Spezialität von Karl Eyerkaufer. Fünfmal wurde er in den Sechzigerjahren Deutscher Meister.

Die 1500-Meter-Strecke war war die Spezialität von Karl Eyerkaufer. Fünfmal wurde er in den Sechzigerjahren Deutscher Meister.

In Bornheim wurde er Mitglied des heutigen Fußball-Zweitligisten FSV – der damals als Heimat fähiger Leichtathleten bekannt war. Da trainierte er mit der Läufer-Legende Armin Hary. Auf der Mittelstrecke wurde Eyerkaufer bald einer der schnellsten Läufer der Welt. Fünfmal war er Deutscher Meister. 51 Mal reiste er mit dem Deutschen Kader zu Leichtathletik-Wettbewerben ins Ausland. Und in die DDR. Letzeres mit gravierenden Folgen.

Die Affäre May

Sie war dem Spiegel anno 1967 eine ganze Seite wert – die abenteuerliche Flucht des DDR-Spitzensportlers Jürgen May. Der hatte laut Spiegel den Fehler gemacht, unter seinen Laufkollegen westdeutsche Puma-Sportschuhe zu vertreiben. Der westdeutsche Mittelstreckenläufer Karl Eyerkaufer war damals Vertreter der Firma aus Herzogenaurach. Und er versuchte auch im Osten, Kunden zu gewinnen.

Die Stasi schob dem Schuhvertrieb einen Riegel vor und machte Jürgen May Schwierigkeiten. Der Läufer hatte bald die Nase voll, er wollte in den Westen fliehen. Karl Eyerkaufer nahm einen Bankkredit auf, um die Fluchthelfer – eine Berliner Studentengruppe – zu bezahlen. Man traf sich in Budapest. Überrascht stellten die Fluchthelfer fest, dass May auch seine Freundin mitgenommen hatte. Die wollte man lieber nicht sitzen lassen und schmuggelte für ein Extra-Honorar auch sie über die ungarische Grenze in den Westen.

Viel später, nach der Wende, stellte Eyerkaufer fest, dass „alles längst verraten war“. Die Stasi hatte die ungarische Polizei aufgefordert, Jürgen May und seine Freundin im Hotel Gellert festzunehmen. „Aber die Ungarn haben nichts gemacht“, so Fluchthelfer Eyerkaufer. Er ist sicherheitshalber nie mehr in die DDR gefahren. Er wurde auch im Westen bespitzelt: „Aus meiner Stasi-Akte weiß ich genau, was ich von 1966 bis 1988 unternommen habe.“ Mit Jürgen May ist Eyerkaufer bis heute befreundet. May lebt in der Nähe. Sein Berufsleben verbrachte er im Sportamt des Main-Kinzig-Kreises. Heute leitet er die Sportstiftung der Sparkassen.

 

Die Mittelstreckenläufer Karl Eyerkaufer (rechts) und Jürgen May legen Ende der Sechziger Jahre bei einem Sportfest im Rhein-Main-Gebiet mit Hilfe eines Offiziellen die Startnummern an. Eyerkaufer hatte die Flucht des den DDR-Spitzensportler 1967 auf eigene Kosten organisiert. Repro: Nissen

Die Mittelstreckenläufer Karl Eyerkaufer (rechts) und Jürgen May legen Ende der Sechziger Jahre bei einem Sportfest im Rhein-Main-Gebiet mit Hilfe eines Offiziellen die Startnummern an. Eyerkaufer hatte die Flucht des den DDR-Spitzensportler 1967 auf eigene Kosten organisiert. Repro: Nissen

Die Mittelstreckenläufer Karl Eyerkaufer (rechts) und Jürgen May legen Ende der Sechziger Jahre bei einem Sportfest im Rhein-Main-Gebiet mit Hilfe eines Offiziellen die Startnummern an. Eyerkaufer hatte die Flucht des den DDR-Spitzensportler 1967 auf eigene Kosten organisiert. Repro: Klaus Nissen

Mit 28 Jahren wurde Eyerkaufer Lehrer in Bruchköbel, zog mit Ehefrau Marion nach Hochstadt („wegen des Waldes“) und baute dort den Bungalow, in dem er heute noch lebt. Der frühere Spitzensportler machte auch als Junglehrer schnell Karriere. Kultusminister Ludwig von Friedeburg selbst fragte ihn, ob er nicht ein Gymnasium in Dörnigheim aufbauen wolle. Eyerkaufer wollte. Die folgende Zeit als Schulleiter der Albert Einstein-Schule sei die intensivste und spannendste seines Berufslebens gewesen, bekennt er heute.

 Die Grünen waren dem Sozialdemokraten nicht geheuer

Dann kam die Politik. Seit 1968 war Eyerkaufer SPD-Kreistagsabgeordneter. 1976 wurde er Oppositionsführer. Und nach dem Wahlsieg der SPD machte ihn der Main-Kinzig-Kreistag 1987 zum Landrat des bevölkerungsstarksten und größten Landkreises in Hessen. Fortan musste er sich unter anderem mit dem Straßenbau und der bestmöglichen Organisation der Müllabfuhr beschäftigen. Kein Problem für Eyerkaufer. Nur die Koalition mit den Grünen und der Umgang mit dem grünen Kreisbeigeordneten Harald Friedrich ist ihm noch immer als relativ schwierig in Erinnerung. „Ich bin ja ein klassischer Sozialdemokrat“, sagt Karl Eyerkaufer. Die äußere Erscheinung und das Auftreten der Grünen sei in den Achtziger Jahren für ihn schon „ungewöhnlich“ gewesen.

18 Jahre blieb Eyerkaufer Landrat. 1993 und 1999 bestätigten ihn die Bürger im Amt. 2005 übergab er es seinem Parteifreund Erich Pipa. Für die Zeit danach hatte der fitte 65-Jährige noch mehrere Optionen: „Ich hätte ja als Berater oder so noch meine Pension aufbessern können.“ Doch das reizte ihn nicht. Mit seiner Pension war er zufrieden. Er begann einen ganz neuen Lebensabschnitt als Spendensammler und Wohltäter. Nun baut Eyerkaufer Wohnhäuser, Schulen und Kliniken in Sri Lanka, auf dem Balkan und in Guatemala. Er leitet die Bürgerstiftung der Sparkasse Hanau, den Stiftungsrat des Behinderten-Werkes Main-Kinzig und etliche weitere gemeinnützige Organisationen. Nicht die Chefposition sei ihm dabei wichtig, sondern die Freude derer, denen er helfen kann. „Was ich von ihnen zurückbekomme, könnte ich mit der Politik nicht erreichen.“

 

 

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