Kalender erinnert an Kurt Rupp

Der Heimatforscher war das Gedächtnis Ober-Mörlens

Von Corinna Willführ
Auf dem Tisch vor Vera Rupp liegt ein Stapel Bücher. Zuunterst – er mutet an wie die Basis für alle darüber: ein gut zwei Kilo schweres Werk, gebunden in blaues Leinen, auf dem Rücken in Golddruck: Ober-Mörlen 1834 bis 1954, darunter der Name Kurt Rupp.
Kurt Rupp, Jahrgang 1935, war der Chronist von Ober-Mörlen, nicht nur für die umfangreiche Sammlung der Zeitungsartikel aus mehr als einhundert Jahren, wie sie der blaue Band umfasst. Vielmehr war Kurt Rupp, wie es der Vorsteher des Ober-Mörlener Parlaments Gerd Christian von Schäffer-Bernstein anlässlich der Verleihung des Ehrenamtspreises an Kurt Rupp am 7. Januar diesen Jahres formulierte: „das Gedächtnis des Dorfes“. Kurt Rupp verstarb nur wenige Tage später am 29. Januar 2013.
Akribisch im Sammeln und bei der Recherche

Auch alle weiteren Bücher und Schriften auf dem Stapel hat der akribische Hobby-Historiker verfasst. Fotobände zu der Geschichte der Gastwirtschaften, die es längst nicht mehr gibt wie das Lokal „Zur Wetterau“ oder die „Germania“. Untersuchungen zu der Historie der Müller und Bäcker, der Brücken über die Usa oder der Remigius-Kirche ebenso wie eine Dokumentation zum Führerbunker „Adlerhorst“ im Ortsteil Langenhain-Ziegenberg. Und wer auf der Homepage Informationen zur Geschichte der Gemeinde anklickt, trifft direkt neben dem Wappen Ober-Mörlens auf seinen Namen.

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Sie wollen, dass der Heimatforscher Kurt Rupp nicht vergessen wird: seine Töchter Silvia (links), Vera (rechts) und seine Frau Edda (Mitte).(Fotos: Willführ)

„Eben sind wir am Grumet machen“

„Mein Vater“, sagt Vera Rupp, „war ein leidenschaftlicher Sammler, wenn es um Daten und Dokumente aus und über Ober-Mörlen ging – und ein im besten Sinne pedantischer Rechercheur, um die Dinge, die er fand in ihren zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen.“
Gemeinsam mit ihrer Mutter Edda hat die promovierte Archäologin und Direktorin des Keltenmuseums am Glauberg Stund‘ um Stund‘ verbracht, um für einen Jahreskalender 2014 Ansichtskarten aus dem Fundus ihres Vaters auszuwählen. „Die Auswahl unter mehr als einhundert Karten fiel schwer“, sagt die 55-Jährige. Doch dann entschieden sich Mutter und Tochter für Exemplare, die bei alteingesessenen Ober-Mörlern Erinnerungen wecken können und Zugezogenen Neugier auf die Historie ihrer neuen Heimat machen sollen. Neugierig auf das Vermächtnis ihres Vaters macht auch Kurt Rupps Tochter Silvia: Sie hat eine Auswahl von Dokumenten für eine Ausstellung in der Volksbank Ober-Mörlen zusammengestellt.

Kalender erinnert an Kurt Rupp

Ob das Kalenderblatt zum Januar mit einer Ansicht um 1910 vom herrschaftlichen Schloss oder der Gruß vom Sängerfest am 19. Und 20. Juni 1904 für den Juni an einen Heinrich Wex in Coblenz-Lützel: Sie alle dokumentieren (Heimat-)Geschichte. Eine Karte aus dem Jahr 1903 hat Vera Rupp besonders fasziniert. „Es ist eine fast völlig beschriebene Blumenkarte, die sehr interessante Informationen liefert.“ Ihr Absender: Eine Therese (Nachname nicht bekannt) aus Ober-Mörlen. Ihre Adressatin: ein Fräulein Gertrud Geck, per Adr. Boet Blanquin, ins Hotel de Fonbonne in Evian – Les Bains am Genfer See. Hier ein Auszug aus dem Text: „Liebes Trautchen! Ich habe Deine liebe Karte mit sehr großer Freude erhalten. Eben sind wir am Grumet machen, aber dazu schlechtes Wetter. Am 1. + 2. Oktober haben die Jünglinge Theater. Wahrscheinlich gehen wir auch hin. Am 27. August sind die Gemeinderäthe gewählt worden. Fräulein Grebner war in den Ferien in Ägypten.“ Evian – Les Bains war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein berühmter Badeort, ein Treffpunkt der Schönen und Reichen. „War Fräulein Geck dort zur Logis? Oder als Hotelangestellte tätig?“, fragt sich Vera Rupp.

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Blumenkarte von 1903 von Therese aus Ober-Mörlen an „Fräulein Trautchen“ im Badeort Evian am Genfer See.

Ein Gruß an einen Liebsten, an die Verwandten, an den Sohn, die Tochter, eine Freundin, handgeschrieben auf einer Karte , die man nur an dem Ort bekam, an dem man einst war, im späten 19. Und frühen 20. Jahrhundert, als es noch kein Internet gab. Ein Gruß, der zeigen sollte, dass es schön war, an dem Ort, an dem man sich befand, der Sicherheit vermitteln sollte oder auch Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Führungen für Schulklassen

In den Büchern über dem dicken, blauen Werk stecken zahllose gelbe Markierungszettel. Da gibt es noch viel Nachzuschlagen für Vera Rupp. Denn sie möchte die Arbeit ihres Vaters fortsetzen. So hat sie bereits im November Grundschulklassen durch den erstmals 790 nach Christus im Codex des Klosters Lorsch genannten Ort geführt, sie mit einem gut gefüllten Expeditionskoffer auf die Geschichte Ober-Mörlens neugierig gemacht – und damit auch auf die Bedeutung von engagierten Heimatforschern, wie es ihr Vater Kurt war. „Sein Archiv mit Texten, Bildern und Publikationen ist ein wahrer Wissensschatz“, so die Archäologin.“ Diesen einer größeren Öffentlichkeit sichtbar zu machen, ist ihr ein inniges Anliegen. „Vielleicht klappt es ja mit einer großen Fotoausstellung in 2014“, hofft sie. Erste Gespräche mit dem Bürgermeister sind bereits geführt.Auf jeden Fall wird Vera Rupp ihre Orts-Führungen für Schulklassen im nächsten Jahr fortsetzen.

Der Kalender mit alten Ansichtskarten von Ober-Mörlen ist zum Preis von 16,80 Euro in der Volksbank Ober-Mörlen erhältlich.

Die Ausstellung, die von Silvia Möller zusammengestellte wurde,  Ausstellung ist noch bis 19. Dezember zu den Öffnungszeiten der Volksbank zu sehen.

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