Daumen runter – Daumen hoch

Nissens Woche – die dreiundvierzigste

Es geht um Hakenmangel,  Halsweh, Indutiomarus, Westafrika undKlaus den Kalten Markt
Diese Woche mache ich es mir einfach. Ich teile sie in Gut und Schlecht ein. Das ist leicht zu kapieren und attraktiv für Leserinnen und Leser. Die stehen ja angeblich auf klare Kante und verachten das Einerseits-andererseits. Wie sagte neulich Joachim Braun, der klarsichtige Chefredakteur des Nordbayrischen Kuriers? „Bindung gibt es ja nur, wenn man Emotionen hat, indem man die Zeitung entweder mag oder nicht, man ärgert sich oder man ärgert sich nicht. Wenn einem etwas gleichgültig lässt, dann hat es keine Bedeutung, und deswegen brauchen wir Emotionen und deswegen müssen wir uns von einer kühlen Art der Berichterstattung verabschieden, wie sie viele Jahrzehnte Usus war.“

Daumen runter – Daumen hoch

Das ist wohl so. Ich finde es trotzdem übel. So klicken binnen eines Tages Zehntausende im Netz auf eine Online-Petition gegen die Rüsselsheimer Polizisten, die zwei beißende Kampfhunde erschossen haben. Und alle, die anderer Meinung sind und so eine Petition blöd finden (wie ich zum Beispiel), die verfolgen das Thema ebenfalls mit großem Interesse. Dabei ist es ziemlich unwichtig. Viel wichtiger ist zum Beispiel die Frage, warum immer weniger Organe gespendet werden, die Leben retten. Oder sich darüber aufzuregen, dass die Bundesregierung zwar hundert Millionen Euro für die Ebola-Kranken in Afrika in Aussicht stellt – aber nicht wirklich hilft. In Wirklichkeit wird den Leuten von Cap Anamur der Zuschuss für eine Isolierstation gestrichen, weil die mit dem Bau schon vor der Bewilligung angefangen haben. So etwas macht mich wirklich zornig. Ich habe den Ärzten ohne Grenzen 200 Euro überwiesen, das hilft nicht viel, aber immerhin.

Was diese Woche sonst noch blöd war, ist dagegen Kleinkram. Nur in einer der Herbergen am Saar-Hunsrück-Steig habe ich Handtuchhaken im Badezimmer gefunden. Bundesweit gibt es einen Hakenmangel in Hotel-Badezimmern und ein Überangebot an Siebzigerjahre-Interieurs. Blöd ist auch, dass die sonst üppige Beschilderung des Saar-Hunsrück-Steiges an manch entscheidender Stelle dürftig wird. Doof auch, dass mich nach fünf Wandertagen die Halswehmonster und Gliederzerrer überfallen haben. Wir mussten die Tour abkürzen.

Maulwurfhügel

Unter den Hunsrück-Wiesen müssen gigantische Maulwürfe leben. (Bild: Nissen)

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt zum Guten: Bei Hermeskeil kann man den Zickzack-Wanderweg auf der stillgelegten Hunsrückbahntrasse abkürzen. Und dabei durch einen stockdunklen, leicht gruseligen Tunnel laufen. Noch toller: Am Dollberg (695m), dem höchsten Punkt des Saarlandes, haben wir eine gigantische Ringburg der Kelten entdeckt. Die Reste der Burgmauer aus Wackersteinen bilden noch immer einen zehn Meter hohen und 40 (!) Meter breiten Wall. Die Mauer bei Nonnweiler soll vor 2500 Jahren bis zu 25 Meter hoch gewesen sein. Auch die Geschichte ihres wahrscheinlichen Erbauers Indutiomarus (+ 53 v. Chr.) klingt filmreif.

Gut ist außerdem der 748. Kalte Markt in Ortenberg. Wo sonst gibt es an einem Platz fünf Orchideen für 20 Euro, Nierenspieße, Black-Mamba-Schokoküsse, gefütterte Arbeitshandschuhe, extralange Flanellhemden, Häkeldeckchen, Heizkörperbürsten und Pferdebalsam? Vielleicht fahr ich nochmal hin. Der Markt ist bis Dienstag geöffnet.

Ein Gedanke zu „Daumen runter – Daumen hoch

  1. Hallo lieber Landbote,

    aus der Serie der vielen guten Geschichten hat mir diese von Klaus Nissen besonders gut gefallen. Weshalb? Sie ist in einem sympathischen Plauderton geschrieben, in denen er einige bittere Wahrheiten eingefügt hat.

    Weiter so, wünscht sich Peter Gwiasda

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