Homage an Bertha von Suttner

Bericht vom Schulprojekt zum 100. TodestagSuttner1

von Ursula Wöll

Landbote-Autorin Ursula Wöll hat das Projekt zum 100. Todestag von Bertha von Suttner an der Suttner-Schule in Nidderau besucht und berichtet hier drüber. Ihr Fazit: Es ist eine wunderbare Hommage an die Namenspatronin der Schule, es verbindet die Historie mit der Gegenwart, in der leider sogar in Europa wieder ein Krieg möglich scheint.

Mein erster Besuch Mitte März

Die Bertha-von-Suttner-Schule in Nidderau ist, aus der Ferne gesehen, einer dieser gesichtslosen Flachbauten aus Betonfertigteilen. Ihr Gesicht erhält sie durch die in ihr lehrenden und lernenden Menschen. Schon am Eingang zeigen die von SchülerInnen gestalteten bunten Hinweise an, dass man es mit einer vom Kultusminister zertifizierten „Kulturschule“ zu tun hat. Das Innere wird dem gerecht, die Besucherin ist hingerissen von den anspruchsvollen Schülerarbeiten an den Wänden der breiten Flure. Die integrierte Gesamtschule ist außerdem „Naturschule“, das wird durch den Flachbildschirm im Flur unterstrichen, der life die Homestory aus dem nahen Storchennest überträgt. Mittagspause. Kleine Gruppen von Schülerinnen und Schülern sitzen, lachen oder toben herum, manche haben Musikinstrumente dabei. Sie grüßen die Besucherin freundlich, die sich auf Anhieb in der schönen, ungezwungenen Atmosphäre wohlfühlt. Der Bertha von Suttner, der „Friedensbertha“, hätte das alles gefallen. Vor 100 Jahren, am 21. Juni, ist sie gestorben, eine Herausforderung für die Schule, an ihre Namensgeberin zu erinnern. Vorbereitet werden ein Projekttag am 10. 6., ein Musical am 14./15.6., Ausstellungsmaterial und die letzte Lesung ihres Antikriegs-Romans „Die Waffen nieder!“ am 21.6. in der Schule, verbunden mit einer Gedenkfeier(www.bvss-nidderau.de).

Ich nehme an der Sitzung des Arbeitskreises teil, der das Leben der Friedensnobelpreisträgerin von 1905 erforscht. Knapp 20 SchülerInnen der Jahrgangsstufe 9 versammeln sich in der großen Mediathek, anwesend auch Geschichtslehrerin Karin Braun, die alle Aktivitäten koordiniert, sowie Referendarin Stefanie Weudmann. Die Schulleiterin Manuela Brademann schaut vorbei und wünscht gutes Schaffen. Mit am Tisch sitzen noch Katja Alt und Prof. Jürgen Müller von der Frankfurter Uni, die das übergeordnete Projekt „Hessische Landgemeinden im Ersten Weltkrieg“ betreuen. Es bezieht die Einwohner der Nidderauer Ortsteile ein und erinnert mit Lesungen und Ausstellungen an die Zäsur des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren. Die Aktivitäten der Schule sind Teil dieses Projekts, das bis in den November läuft (www.landgemeinden-im-weltkrieg.de). Vor diesem Krieg hatte die Kassandra Bertha von Suttner bis zuletzt mit all ihrer Energie gewarnt, hatte Bücher geschrieben, Kongresse organisiert und Vorträge gehalten. Sie musste das Desaster nicht mehr erleben, da sie wenige Wochen vor Kriegsbeginn mit 71 Jahren verstarb.

Homage an Bertha von Suttner

Erstaunlich zügig haben sich Untergruppen gebildet. Eine will ein Foto der Bertha von Suttner nachstellen, das sie neben einem runden Tisch zeigt. „Ich habe einen altertümlichen Tisch zuhause“, überlegt Anja, und Julia hat schon ein dunkles Rüschenkleid mitgebracht. Einige Phantasie ist nötig, denn die Mode von einst unterscheidet sich. Als Kontrast möchte die Gruppe auch ein zeitgenössisches Outfit gestalten und ebenfalls ablichten. Eine heutige Friedensdemonstrantin? Das bleibt einstweilen offen, nur der Termin im Fotoatelier steht schon fest. Die übrigen Gruppen haben sich jeweils um einen PC geschart. Zwei Jungen tippen die Namen der im Weltkrieg gefallenen Soldaten ein, die sie zuvor auf den Kriegerdenkmälern der einzelnen Ortsteile abgelesen haben. Die Listen sind lang, denn auch der Krieg war lang. Niemand war Weihnachten wieder zuhause, wie man sich das vorstellte, als die Soldaten jubelnd in den Krieg fuhren. Dafür kamen viele Todesbotschaften, denn neue Techniken machten den Krieg zur Materialschlacht und die Menschen im Dreck der Schützengräben zu Kanonenfutter oder Giftgasopfern.

Vier andere SchülerInnen bilden die Biografie der Bertha von Suttner auf einer illustrierten Zeitleiste ab. Man diskutiert, wieviel Raum deren „erstes“ Leben erhalten soll, in dem sie als verwöhnte Gräfin Kinsky in Wiesbaden oder Bad Homburg promenierte, während die Frau Mama am Spieltisch verlor und Bertha deshalb als Gouvernante arbeiten musste. In Wien brachte sie den vier Töchtern des Barons von Suttner Sprachen und Klavierspiel nahe und verliebte sich prompt in Arthur, den Bruder der Mädchen. Schließlich kam die Baronin dahinter, so dass Bertha eine Stelle beim Millionär Alfred Nobel in Paris annahm. Doch nur für kurze Zeit, denn die Verliebten heirateten heimlich und zogen in den Kaukasus. Dort lebten sie vom Schreiben für Zeitschriften und ersten Büchern. Das brachte wenig ein, machte aber ihre Namen in der Heimat bekannt. Nach neun Jahren kehrten die Suttners zurück, söhnten sich mit Arthurs nun ebenfalls verarmten Eltern aus und wohnten mit ihnen auf Schloss Harmannsdorf.

Beide schrieben weiter, nicht nur, um zu überleben. Denn nun wurde es vor allem für Bertha wichtig, ihre humanistische Überzeugung und Friedensliebe mit ihren Texten zu transportieren. Lebten doch die alten Feindbilder weiter, zu antisemitischen Vorurteilen gesellte sich zunehmend nationalistischer Wahn und eine Militarisierung der Gesellschaft. In ihrem Roman „Die Waffen nieder!“ verarbeitete Bertha von Suttner schon 1889 die physischen und psychischen Zerstörungen durch Kriege. Er war mit Herzblut geschrieben und wurde daher zum Bestseller. In viele Sprachen übersetzt, machte er die Autorin bis in die USA bekannt. Neben Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“, der jüngst als KiWi-Taschenbuch für 6,99 Euro neu aufgelegt wurde, gilt „Die Waffen nieder!“ als d a s Antikriegsbuch und wird nun im Rahmen des Nidderauer Projektes öffentlich in Fortsetzungen gelesen. Bertha von Suttner beschreibt darin die Leiden der Romanheldin Martha, die ihre beiden Ehemänner in zwei Kriegen verlor, 1859 in Solferino und 1870 in Paris. Auch schildert sie erstmals sehr realistisch das Elend der Verwundeten auf den Schlachtfeldern. Die berühmt gewordene Autorin wurde nun auch rhetorisch aktiv. Mit Lesungen und Vorträgen warb sie für die Erhaltung des Friedens, organisierte Friedenskongresse auf internationaler Ebene und reiste noch 1912 ein zweites Mal in die USA. Zur Illustrierung ihrer biografischen Daten sucht eine weitere SchülerInnengruppe Zitate und Fotos der engagierten Pazifistin im Internet.

Mein zweiter Besuch Anfang April

Ich nehme an einer der wöchentlichen Proben des Musicals „Frieden auf dieser Welt“ teil. Dessen Handlung orientiert sich an der Erzählung „Die Kinder von Girouan“, welche das Thema „Frieden“ am Beispiel eines französischen Dorfes aufgreift. Es sind die Kinder, die dafür sorgen, dass der soziale Frieden im Dorf wieder einzieht. Über 100 SchülerInnen der Stufe 9, aber auch jüngere, alle aus den Theater-, Musik- und Kunstkursen wirken mit. Sie stellen auch die Erwachsenen dar, singen im riesigen Chor oder spielen im Orchester die unterschiedlichsten Instrumente, sogar die Kulissen bauen sie selbst. Das Mammutunternehmen wird geleitet von der Musiklehrerin Leonore Kleff, die zunächst die mit den jeweiligen Lehrkräften separat probenden Untergruppen koordiniert, um dann die gemeinsame Chor- und Orchesterprobe zu dirigieren. Viel Freizeit ‚opfern‘ SchülerInnen und Lehrkräfte offenbar gern (Wochenendproben und Klausur in der Jugendherberge Büdingen). Auch während meines Besuchs in der 7. und 8. Stunde nach der Mittagspause sind alle erstaunlich munter bei der Sache. So wird denn die Bühnenbild-Gruppe zu Recht gelobt: „Ich bin stolz auf Euch, Ihr habt super durchgehalten. Deshalb hab‘ ich Euch Waffeln mitgebracht.“ Die zu den Aufführungen am 14. Juni um 19 Uhr und am 15. Juni um 17 Uhr erwarteten BesucherInnen wird die große Schulaula nicht bewältigen können, daher weicht man in die Willi-Salzmann-Halle in Nidderau-Windecken aus.

Mein Resumee:

Das Projekt ist eine wunderbare Hommage an die Namenspatronin der Schule, es verbindet die Historie mit der Gegenwart, in der leider sogar in Europa wieder ein Krieg möglich scheint. Die Schülerinnen Sina Velten und Julia Steul lesen am 21. Juni die letzte Folge von „Die Waffen nieder!“ in der Aula der Schule, „weil wir gegen Krieg sind und uns für den Gedanken des Friedens engagieren wollen“.

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