Was darf Satire?

Gegen den Strich

Von Ursula Wöllhebdo

Heute morgen, noch vor 6 Uhr, hörte ich im Radio – DLF – einen Bericht über die Morde in Dänemark. Darin war der 0-Ton einer Frau, die behauptete, dass Karikaturen (Mohamed) noch nie jemand wehgetan hätten. Sie meinte wohl im Gegensatz zu den Morden von Verrückten.

Was darf Satire?

Der Artikel von Klaus Nissen „Im Land ohnen Lächeln“ kam mir in den Sinn, der feststellt, wie kalt und einfühlungslos unsere Gesellschaft geworden ist. Es gibt doch auch seelischen Schmerz, und die Mohamed-Karikaturen haben Millionen von friedlichen Muslimen in der Tat wehgetan, die deshalb aber nie zur Waffe greifen würden. In den ersten Radiomeldungen über Kopenhagen wurde behauptet, dass der in dem Café anwesende Karikaturist Mohamed als Hund dargestellt habe. Später wurde das nicht mehr gemeldet, weil es doch starker Tobak ist. Angesichts dessen wird es für mich schleierhaft, warum die Veranstaltung in dem Café zum Thema ‚Meinungsfreiheit‘ laufen sollte. Meiner Meinung nach wäre der Titel „Missbrauch der Meinungsfreiheit?“ angemessener gewesen.

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So geht es auch: Christ und Muslim beim Schachspielen. Eine Karikatur aus der Zeit der Kreuzzüge.

Um es zu betonen: Natürlich verurteile auch ich die Morde von Paris und Kopenhagen total. Wenn ich trotzdem die Mohamed-Karikaturen kritisiere, so poche auch ich auf Meinungsfreiheit. Ich bin kein religiöser Mensch, und doch finde ich es im besten Falle unhöflich, die religiösen Überzeugungen anderer so herabzuwürdigen. Auch ich habe gegen die Morde demonstriert, aber ich bin nicht Charlie. Denn ich denke nicht, dass Satire a l l e s darf, wie man das Tucholsky als Gewährsmann in den Mund legt. Es zeugt von einer Überheblichkeit, von mangelnder Empathie, wenn man das für Millionen Menschen Wertvollste so durch den Kakao zieht. Und für meine Begriffe versteckt sich dahinter der alte koloniale Geist: Eure Religion taugt nix, wir haben immer Recht und dürfen eure vermeintlich tieferstehende Kultur beleidigen. Bedenkt man überdies, dass das Mittel der Satire zwar in unserer Kultur eine lange Tradition hat, aber in den meisten Ländern mit muslimischer Mehrheit nicht geläufig ist, so gewinnt meine Kritik noch an Gewicht. Hinzu kommt, dass unsere säkulare Kultur offenbar nicht nachvollziehen kann, dass der Islam tief in der Lebensweise verankert ist und man darauf Rücksicht nehmen sollte, auch wenn es einem nicht gefällt.

Satire ja, aber ihre Kritik sollte sich vor allem gegen die Mächtigen richten und letztlich zu einem erfreulicheren Zusammenleben der Menschen beitragen. Mit den hier lebenden Muslimen und auch global. „Achtung“ heißt das Zauberwort dafür, das auch durch die respektlose Satire hindurchscheinen sollte. Nur dann wird das wertvolle und unverzichtbare Gut der ‚Meinungsfreiheit‘ nicht zum hohlen Dogma.

2 Gedanken zu „Was darf Satire?

  1. Den Kompromiss „bisschen Satire“ gibt es nicht. Entweder Satire darf alles oder Du akzeptierst die Schere im Kopf.

    Anlässlich der Morde in Paris habe ich geschrieben „Es steht außer jeder Frage, dass die Mörder von Paris trotzdem mich ganz persönlich angegriffen haben – und dass ich jede Gelegenheit ergreife, JEDE Form von Pressefreiheit zu verteidigen.” (http://saubereschweine.blogspot.de/2015/01/je-etais-charlie.html)

    Die Alternative heißt ganz einfach, entweder zu dulden, dass mehr oder weniger verbohrte Religioten vorgeben, was gesagt, geschrieben und schließlich auch gedacht werden kann – oder der Satire alles zu erlauben.

    Übrigens gilt das natürlich, anders als der Text oben suggeriert, durchaus nicht nur zu Satire über den Islam. Mal angenommen, wir einigen uns darauf, dass Mohammed als Hund darzustellen nicht geht (oben kann übrigens geschlossen werden, DAS wäre nun wirklich zu viel gewesen…). Buddha als Hyäne? Moses als Schwein? Christus als …….(gewünschte Beleidigung bitte einsetzen). Ja, verdammt. Nicht weil mir das gefällt. Sondern weil Satire alles darf.

    Alles oder nichts.

  2. Hier meldet sich die Autorin nochmals. Ich danke Ihnen, lieber Herr Brunner, für Ihren schnellen Kommentar. Ich freute mich schon, dass nun endlich mal eine Diskussion entsteht . Denn zu diesem Thema hat doch jede/r wohl eine Meinung. Leider blieb es bis jetzt bei dieser einen Antwort. Aber vielleicht kommen die LeserInnen erst jetzt von der Arbeit nach Hause? Ich möchte alle ermuntern, doch einmal die eigene Meinung zu äußern. Was nützt uns die Beschwörung der Meinungsfreiheit, wenn die hinterm Berg gehalten wird? Offenbar hat das online-magazin auch wenig/keine LeserInnen muslimischer Herkunft. Denn die müssten sich doch besonders herausgefordert sehen etwas zu äußern. Und zu meinem Schrecken stellte ich fest, dass mir auch niemand in meinem Bekanntenkreis einfiel, der aus der Türkei oder woher auch sonst stammt, dem ich mein Textchen hätte mailen können.. Ja, da leben wir doch in der gleichen Stadt, aber von unsichtbaren Gettomauern isoliert. Es muss sich so viel ändern. Deshalb Schritt eins: Haben Sie Mut, schreiben Sie einen Kommentar, wiedersprechen Sie mir oder auch nicht. Ursula Wöll

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