Uschi sollte leiser schreien

Nissens Woche – die neunundvierzigste

Klaus

Ältere Damen sind Männern oft überlegen. Trotzdem sollten sie sich beherrschen. Sonst kommt es zu peinlichen Vorfällen auf Hotel-Parkplätzen und in Intercity-Zügen.

Es ist nicht schön, nach zwei Wochen auf der hellen warmen Mittelmeerinsel Zypern in den deutschen Dezember aufzubrechen. Am Montag um 4.15 Uhr aufzustehen, damit man ab acht Uhr irgendwo über Mazedonien das tolle Bordfrühstück von Cyprus Airways zu sich nehmen kann. Pulverisiertes Rührei. Leider gibt es kein Ketchup dazu. Und dann mittags im Dämmerlicht zu landen.

Schluss damit – das ist Jammerei auf hohem Niveau. Und Vergangenheit.Wer weiß – vielleicht gibt es dieses Mal weiße Weihnachten. Auf jeden Fall Weihnachtsmärkte bis zum Abwinken. Die nächste Zeit soll von gesteigerter gegenseitiger Anteilnahme geprägt werden. Das ist ja auch dringend notwendig. Mehr Wertschätzung und Respekt sollten vor allem ältere Herren von Seiten ihrer langjährig angetrauten Gattinnen erfahren

Manche ältere Dame stellen wir auf einen Sockel und schauen zu ihr auf. Trotzdem lassen wir uns nicht von ihr schikanieren! (Foto: Rippegather)

Manche ältere Dame stellen wir auf einen Sockel und schauen zu ihr auf. Trotzdem lassen wir uns nicht von ihr schikanieren! (Foto: Rippegather)

Zwei erschreckende Negativ-Beispiele erlebte ich diese Woche: In Zypern urlaubte ein deutsches Senioren-Ehepaar mit dem Enkelchen. Am Sonntag war ein Ausflug per Mietauto angesagt, doch der Opa musste auf dem Hotel-Parkplatz ein wenig mit dem komplizierten Falt-System des Buggys kämpfen. Hat er ja auch lange nicht mehr benutzt, so ein Ding. Die Gattin beobachtete ihn missmutig beim Hantieren. „Jetzt beeil dich mal!“, befahl sie lautstark. Alle konnten es hören. „Schrei mich nicht so an“, antwortete der alte Herr leise. Seine Frau schimpfte weiter und riss ihm schließlich das Kindergefährt aus der Hand.

Uschi sollte leiser schreien

Beispiel Nummer zwei: Im proppenvollen Intercity von Münster nach Düsseldorf suchte ein altes Ehepaar am Dienstag die reservierten Sitze. Die Gattin boxte sich vorneweg durch den Gang. Zwei Minuten später folgte der Ehemann; er musste den voluminösen Rollkoffer seitlich durch den engen Mittelgang bugsieren. Dann kehrte die Gattin um, weil sie sich mit dem Waggon vertan hatte. Der arme Kerl musste noch mal mit dem Koffer durch den Gang. „Werner! Hier ist es! Komm!“ rief die Gattin quer durchs Großraumabteil. Fünf Sekunden später: „Werner, komm doch!!“ Nach fünf weiteren Sekunden: „Werner! Wo bleibst du denn!!“ Gut hundert Passagiere schauten jetzt auf. Der alte Herr schwitzte, nicht nur vor Anstrengung. „Schrei leiser, Uschi“, rief er in seiner Not der Gattin zu. Nur sie hörte nicht. „Jetzt komm doch endlich!“ befahl sie in unverminderter Lautstärke. Am liebsten hätte ich die alte Dame zur Rede gestellt. Doch wahrscheinlich hätte sie nur verständnislos geguckt. Oder mir eine gescheuert. Ich wollte Werner nicht noch mehr blamieren.

Noch viel mehr Denkwürdiges passierte in dieser Woche. Die aufnehmende Ärztin hat sich am Donnerstag in der Giessener Blutbank dagegen gesträubt, mein Blut anzunehmen. Weil ich ja auf Zypern war. Aus Griechenland kommende Blutspender seien einen Monat lang gesperrt, weil da das Westnilvirus wüte. Mein Argument, dass Zypern ein souveräner EU-Staat mit eigener Regierung sei, ließ sie nicht gelten. Denn: „Das ist doch geteilt – rechts die Türken, links die Griechen.“ Die angerufene Kollegin hatte in Sachen Griechenland und Zypern keinen Plan. Und Erst nach intensiver Wikipedia-Recherche erlaubte sie mir, einen halben Liter Blut für Leute zu spenden, die es dringend nötig haben. Nochmal: Hüten Sie sich vor Starrsinn, meine Damen! Und schenken Sie älteren Herren angemessen Gehör!

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Auch hier sollen Ausnahmen die Regel bestätigen. Der Hessischen Umweltministerin Priska Hinz (rechts, im Merkel-Kostüm) wünsche ich Unempfindlichkeit gegen manches männliche Begehr. Denn der Chef des Waldbesitzerverbandes, Michael Freiherr von der Tann (!!, oben) beschwert sich, dass die Ministerin und ihre staatlichen Förster künftig die Hälfte des Pflegeaufwandes und der Verkaufserlöse von Holz aus den Privatwäldern erstattet haben wollen. Unverschämt aber auch! „Hinz bringt Waldbauern auf die Palme“ trötete die Webseite der Waldbesitzer. Die Gebühren würden um tausend Prozent erhöht. Kein Wunder: Bisher pflegte der Staat die Privatwälder nahezu für lau. Deshalb mein Apell an Frau Hinz: Bleiben Sie standhaft wie eine deutsche Eiche. Zeigen Sie dem von der Tann, wo die Birke wächst! Und treiben Sie die Herren Waldbauern ruhig weiter auf die Palme.

4 Gedanken zu „Uschi sollte leiser schreien

  1. Ralph Garcy schreibt:

    Hallo Klaus, du solltest deinen Lesern in Hessen unbedingt erzählen, wen dieses Denkmal darstellt. Aus gegebenen thüringischen Anlass gestern. Auch diese Dame wurde in der deutschen Demokratie für eine Unmöglichkeit gehalten, als sie als Alterspräsidentin und Kommunistin den letzten demokratischen Deutschen Reichstag der Weimarer Republik in Berlin eröffnen sollte. (Nach 1990 kam einmal diese Aufgabe dem Schriftsteller Stephan Heym zu, ein parteiloser Linker im Bundestag, was immer noch für Aufregung im rechten Flügel sorgte.) Wie oft wiederholt sich eigentlich Geschichte? O.k. – der aus eurer Himmelsrichtung über Erfurt gekommene Linke wird nun ganz großer Landesfürst im Thüringer Wald. Das ist mehr, als eine Sitzung der obersten Volksvertreter des Landes eröffnen. http://de.m.wikipedia.org/wiki/Alterspräsident Schon damals – 1932 – bei der großen, alten Dame und vom Volke gewählten Reichstagsabgeordneten glaubten manche stramme Deutsche, es geht mit dem Abendland hernieder. Ging es dann auch später. Allerdings anderer Herren wegen, die mehr für Kriegsgetümmel und Heldenmütter waren, als die Frauenrechtlerin und linke Politikerin Clara Zetkin für Frieden und Volkseigentum. Sie wird also in diesem Denkmal in gleichnamiger Straße in Neubrandenburg dargestellt. Schönen Nikolaus auch in Hessen. Wünscht Ralph aus dem fernen Osten.

  2. Hallo Klaus,
    ist sehr erfrischend aus dem Herzen heraus geschrieben…gefällt mir !!! Dass sind gelebte Eindrücke und Erfahrungen die ankommen bzw. mich haben sie erreicht. Danke für diesen Beitrag.

  3. Hallo lieber Klaus,

    ein herzliches Dankeschön für deinen Einsatz zugunsten älterer Herren, die hilflos dem Dirigismus ihnen verbundener Frauen ausgeliefert sind. Ich würde mich freuen, wenn du künftig so eine Art Männerbeauftragter des Wetterauer Landboten sein könntest…

    Grüße von Peter Gwiasda

  4. Lieber Klaus, ein älterer Herr, der zu seiner Gattin aus gegebenem Anlass „Schrei leiser, Uschi“ sagt, erweist sich meiner Meinung nach eher als souverän, schlagfertig, absolut auf der Höhe der Zeit und ihrer Merksätze und denn als hilfsbedürftig. Schließlich zitiert er „Heul leiser, Chantal“ aus dem Film „Fuck you , Goethe“ in höchst passendem Zusammenhang – ob nun wissentlich oder nicht. Schön, solche Beobachtungen zu teilen! Lieben Gruß Uli

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