Zensur und Meinungsfreiheit

Von Rebellen und Ketzern, Träumern und Tollköppen

Von Ursula Wöll1280px-KarikaturDieGutePresse1847

In der Gießener Universitätsbibliothek ist bis zum 23. November die Ausstellung „Von Rebellen und Ketzern, Träumern und Tollköpfen – Zensur und Meinungsfreiheit weltweit“ zu sehen.

Zensur und Meinungsfreiheit

Wenn eine Ausstellung einen so tollen Titel hat, ja dann muss man doch einfach hingehen. Zu sehen ist sie in der Gießener Universitätsbibliothek, die im Erdgeschoss einen größeren Raum für Ausstellungen reserviert hat. Bis zum 23. November wird nun dort über ZENSUR UND MEINUNGSFREIHEIT WELTWEIT informiert. Der auffallende Titel ist einem Essay des russischen Schriftstellers Evgenij Zamjatin entliehen. Schon 1921 warnte Zamjatin, dass gute Literatur nicht nur durch Hunger und Papiermangel verhindert werde. Sie gedeihe nur dort, „wo sie nicht von zuverlässigen Vollzugsbeamten gemacht wird, sondern von Wahnwitzigen, Abtrünnigen, Ketzern, Träumern, Aufständigen und Skeptikern“. Eine Warnung also vor der Schere im Kopf des Schriftstellers, der Selbstzensur, die Heinrich Heine „Gedankenkindermord“ nannte. Eine Gefahr, die auch heute aktuell ist, denkt man an die stromlinienförmigen Kommentare in unseren Medien, die wenig Rebellisches oder Ketzerisches zeigen.

In der Karikatur Die gute Presse von 1847 steht der Krebs für Rückschritt, der Spiegel des Krebses für die Rückwärtsgewandtheit, der Maulwurf für Blindheit, Kerzenlöscher für Dunkelheit, die Schere und Stift für Zensur, die Rute für Drangsal, die Augen für Überwachung, die Kinder für die bevormundete Presse, der Schafskopfspolizist für die Dummheit der Staatsmacht und der Spitz für die Spitzelei.

In der Karikatur Die gute Presse von 1847 steht der Krebs für Rückschritt, der Spiegel des Krebses für die Rückwärtsgewandtheit, der Maulwurf für Blindheit, Kerzenlöscher für Dunkelheit, die Schere und Stift für Zensur, die Rute für Drangsal, die Augen für Überwachung, die Kinder für die bevormundete Presse, der Schafskopfspolizist für die Dummheit der Staatsmacht und der Spitz für die Spitzelei.

Später kam es schlimmer in der damaligen Sowjetunion, durch die handfeste staatliche Zensur. Zamjatin selbst konnte nach Paris fliehen, wo er 1937 eines natürlichen Todes starb. Die Ausstellung zeigt, dass auch im heutigen Russland keine Kultur der Pressefreiheit herrscht, man denke nur an die Ermordung kritischer JournalistInnen. Auch die Länder China, Ungarn, Türkei oder Mexiko werden genauer untersucht und in bezug auf das Menschenrecht der freien Meinungsäußerung als zu leicht befunden. In ihrem historischen Teil wirft die Ausstellung Schlaglichter auf die Entwicklung der Meinungsfreiheit hierzulande. Einer wetterauer-landbote-Leserin fällt natürlich die Zeit des Vormärz ins Auge, in der alle schriftlichen Äußerungen vor dem Druck einer Zensurbehörde vorgelegt werden mussten, so dass Büchners Drama ‚Dantons Tod‘ zu Lebzeiten des Schriftstellers nur zensiert gedruckt wurde. Der heimlich gedruckte ‚Hessische Landbote‘ wurde konfisziert und verboten. Später erfand man auch ’sittliche‘ Gründe, um etwa 1928 ‚Lady Chatterley’s Lover‘ von D.H.Lawrence und 1956 ‚Lolita‘ von Nabokov zunächst zu verbieten.

Ansprechend arrangiert wurde die Ausstellung von dem Verein „Gefangenes Wort eV“,

Ein von den iranischen Behörden im Februar 2006 zensiertes Exemplar des Magazins National Geographic. Das vom weißen Aufkleber verdeckte Titelfoto zeigt ein sich umarmendes Paar.

Ein von den iranischen Behörden im Februar 2006 zensiertes Exemplar des Magazins National Geographic. Das vom weißen Aufkleber verdeckte Titelfoto zeigt ein sich umarmendes Paar.

der sich auf lokaler Ebene mit dem gleichen Ziel wie die internationale Organisation „Reporter ohne Grenzen eV“ engagiert. Er setzt sich für die Umsetzung von Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ein: „Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung…“ Unser Grundgesetz vermerkt in Artikel 5 sogar ausdrücklich: „Eine Zensur findet nicht statt…“ Der Verein hat die Zeit um den 15. November bewusst gewählt. Es ist der weltweite „Writers-in-Prison-Day“, der besonders an dieses Grundrecht und die gefangenen Autoren und Journalisten erinnern will. Das will auch der 10. Dezember, der Tag der Menschenrechte, an dem die Ausstellung allerdings schon abgebaut sein wird.

Übrigens, auch danach stehen die Universitätsbibliothek UB und die verschiedenen Fachbibliotheken jederzeit allen offen, auch Nichtstudenten. Im Lesesaal im 1. Stock der UB liegt ein breites Spektrum von Zeitungen und Zeitschriften bereit, in denen man schmökern kann. Überall findet man Plakate an den Wänden, die auf Vorträge zu interessanten Themen hinweisen. Man kann die Zeitschrift der Uni mitnehmen, doch wer Bücher ausleihen will, braucht einen Leseausweis. Dazu nimmt man einmalig seinen Personalausweis mit und lässt sich diesen Leseausweis an der Theke ausstellen, in Giessen ist das kostenlos. Damit können nun auch Nichtstudenten jeden Alters Bücher ausleihen, auch dies kostenlos. Unter www.uni-giessen.de/ub kann man suchen, ob der gewünschte Titel vorhanden ist und diesen von daheim aus bestellen. Zum Abholen muss man allerdings noch selbst in die Unibibliothek, im Philosophikum I gelegen, Otto-Behagel-Str. 8, unweit des Schiffenberger Wegs. Sie ist täglich, sogar sonntags, von 8.30 bis 23 Uhr geöffnet, das gilt ebenfalls für die Ausstellung.

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