Rupert Neudeck in Butzbach

Der legendäre Menschenretter berichtet

Von Klaus NissenNeudeck

Noch mehr Flüchtlinge als bisher werden versuchen, zu uns zu kommen. Die Europäische Union wird sie bald auf alle 28 Länder in einem Quotensystem verteilen, glaubt der Menschenretter Rupert Neudeck. Man könne und müsse diesen Menschen auf verschiedene Art praktisch helfen. In Butzbach erzählte Neudeck am Montag der örtlichen Flüchtlingshilfe, was machbar ist  – und was er gerade in Nordafrika treibt.

Rupert Neudeck in Butzbach

Rupert Neudeck musste 75 Jahre alt werden, um nach Butzbach zu kommen. Er hat am Montagabend auch nicht viel von der Stadt gesehen. Knapp zwei Stunden nahm sich der legendäre Menschenretter von der Cap Anamur Zeit. In der Alten Turnhalle erzählte der Mann mit dem Käpt’n Ahab-Bart, was er momentan macht. Rund  220 Gäste der Flüchtlingshilfe Butzbach hörten mucksmäuschenstill zu.

Rupert-Neudeck

Rupert Neudeck in Butzbach

Er sei gerade aus Melilla in Nordafrika zurück, berichtete der schlanke Senior. Melilla ist eine  alte spanische Stadt, die sich mit hohen Zäunen und vielen Wachtposten von der marokkanischen Umgebung abschirmt. Er habe sich da in den Bergen umgesehen, wo etwa 30 000 akfrikanische Flüchtlinge auf nacktem Boden im Wald campieren und auf eine Gelegenheit zur Flucht ins europäische Territorium warten. „Wir wurden fast verhaftet“, berichtete Rupert Neudeck mit dem Mikro in der Hand. Die marokkanischen Behörden sähen es nicht gern, wenn man von dort berichtet. Die EU habe Marokko 68 Millionen Euro gezahlt, damit die Flüchtlinge draußen bleiben.

Abschottung nicht durchzuhalten

Die Abschottung wird aber nicht durchzuhalten sein, glaubt der in Troisdorf bei Bonn lebende Flüchtlingshelfer. Zu viele Leute treibe es nach Europa. Im ersten Quartal dieses Jahres stellten nach Recherchen der dpa rund 37000 Menschen Asylanträge in Europa, davon ein Drittel in Deutschland. Allein 18 Millionen junge Afrikaner („das sind die Besten der Besten“) hätten sich per Mobiltelefon und Internet über das Leben in der Ersten Welt informiert und seien dorthin aufgebrochen. Ihre Großfamilien gaben ihnen Reisegeld. Von Zäunen und stürmischen Wellen lassen sie sich nicht abhalten, so Neudeck, denn sie könnten nicht mit leeren Händen zurückkehren. „Diese Menschen nehmen alles in Kauf, um zu uns zu kommen.“ Die Politiker in der Europäischen Union hätten das noch nicht begriffen.

Was wird also passieren? Die 28 EU-Staaten werden in wenigen Wochen nach Neudecks Überzeugung Aufnahmequoten vereinbaren, um die steigende Zahl der Flüchtlinge gleichmäßiger zu verteilen. Man könne Italien, Spanien, Griechenland und Malta nicht noch mehr zumuten. Dass mit der Stimme des Grünen-Ministerpräsidenten Kretschmann nun auch Mazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsländer gelten, muss man nach Neudecks Überzeugung akzeptieren: „So können diese Staaten beweisen, dass sie reif für europäische Standards sind.“

An die deutschen Kirchengemeinden appelliert Neudeck, mehr Flüchtlingen als bisher Kirchenasyl zu gewähren.

Der von Rupert Neudeck gegründete Hilfsverein „Grünhelme“ versucht, den Flüchtlingen auch außerhalb Europas Perspektiven zu geben. Bei Melilla baut er mit Spendengeld und Freiwilligen gerade ein medizinisches Zentrum für die im Wald lebenden Menschen auf. Im mauretanischen Nouadibou organisiert der Verein laut Neudeck eine berufliche Schule, in der junge Männer die Chance haben, eine für ihre Heimat brauchbare Ausbildung zu machen. Auch in Burkina Faso und in Palästina sind die Grünhelme aktiv. Mehr unter www.gruenhelme.de

Den Vortrag Neudecks veranstaltete das 2007 gegründete Butzbacher Bündnis für Demokratie und Toleranz. Die Ehrenamtlichen aus dieser Gruppe begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen und Arztbesuchen, organisieren Deutschunterricht, helfen bei der Wohnungssuche und beschaffen Fahrräder für die im Butzbacher Raum lebenden Flüchtlinge. Das Bündnis sucht laufend Helfer und Spender. Ansprechpartner sind unter anderen Anette Krämer vom Fachdienst Soziales der Stadt Butzbach (anette.kraemer@stadt-butzbach.de), Claudia Moos vom Diakonischen Werk (claudia.moos@diakonie-wetterau.de) und der Ehemalige Gefängnispfarrer Otto Seesemann (otto.seesemann@freenet.de). Die Homepage der Initiative: www.butzbacherbuendnis.de

 Interkulturelle Woche

Die drei Sadinam Brüder

Die drei Sadinam Brüder

Die Interkulturelle Woche im Wetteraukreis bietet noch weitere interessante Veranstaltungen zum Thema. Am Mittwoch, 1. Oktober, ab 20 Uhr lesen zum Beispiel im Friedberger Junity an der Burgfeldstraße 19 die drei aus dem Iran geflohenen Brüder Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam aus ihrem Buch über ihre Erlebnisse in Deutschland. Der Titel: „Unerwünscht“.

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