Ein Sozialarbeiter für 200 Flüchtlinge

Im Rhein-Main-Gebiet ist noch viel zu tun für eine angemessene Betreuung

Von Klaus Nissen und Bruno Riebfluechtlinge

Zu wenig Betreuung, kaum Sprachunterricht, lange Wege  und fehlende Unterkünfte: Im Rhein-Main-Gebiet ist noch viel zu tun, damit die wachsende Zahl der Flüchtlinge angemessen unterkommt und betreut werden kann.  Der Landbote erforschte, wo es überall hakt. Hier ein paar Beispiele. Und Hinweise auf interessante Veranstaltungen  der bis zum 3. Oktober dauernden Interkulturellen Wochen.

Ein Sozialarbeiter für 200 Flüchtlinge

Andere Länder haben größere Probleme mit den aktuellen Flüchtlingsströmen als wir: Millionen leben als Vertriebene in Jordanien, Libanon und der Türkei. Aus Syrien flohen allein am vorigen Wochenende rund 130 000 Menschen vor den „Gotteskriegern“ über die türkische Grenze.

Sogar bis  ins Rhein-Main-Gebiet schaffen es manche Flüchtlinge, trotz mehrfach gestaffelter Barrieren an den Grenzen.

Die Flütchtlingsunterkunft in Friedberg. (Fotos: Klaus Niessen)

Die Flüchtlingsunterkunft im Gewerbegebiet Süd in Friedberg. (Fotos: Klaus Niessen)

Zurzeit wird der Zustrom als stark empfunden, doch der Blick auf die Türkei relativiert das: Im Hochtaunuskreis sind zurzeit 904 Flüchtlinge registriert. Etwa 20 Personen kommen jede Woche hinzu, meldet der Oberurseler Bürgermeister Hans-Georg Brum. Er klagt, dass seine Stadt  288 Menschen beherbergen muss, die meisten in einer  Sammelunterkunft aus alten Stahlcontainern im Gewerbegebiet „An den drei Hasen“. Oberursel hat rund 40 000 Einwohner. Die Flüchtlinge machen also weniger als ein Prozent der aktuellen Bevölkerung aus. Das Containerlager soll nun einen Neubau bekommen. Auch im nahen Bad Homburg plant die Stadt ein Flüchtlingshaus am Stadtrand.

 Kommunen klagen

In der Wetterau sind zurzeit 1256 Flüchtline registriert. Bis Jahresende sollen noch 179 hinzu kommen, so der Kreis-Sprecher Michael Elsaß. Sie kommen von der Erstaufnahme-Prozedur in Gießen nach Friedberg, wo sie etwa zwei Wochen lang in einem neuen Container-Komplex im Gewerbegebiet Süd landen. Dann verteilt der Kreis die Menschen auf die Gemeinden. Nidda hat zum Beispiel 92 Flüchtlinge aufgenommen, davon 60 in einem Behindertenhilfe-Heim in Bad Salzhausen. Die Gemeinde Glauburg bringt sieben Flüchtlinge unter, die Stadt Ortenberg etwa 50. Beide Kommungen verklagten den Kreis, weil sie sich mit dieser Aufgabe überfordert fühlen. Der Wohnraum sei knapp und es fehle an Geld, so Ortenbergs Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring (SPD). Am 15. Oktober berät das Verwaltungsgericht über die Klage.

Es hakt an vielen weiteren Stellen, berichteten Sachkenner vorige Woche in einer Tagung in Büdingen. Die meisten Flüchtlinge könnten sich weder in Deutsch noch in Englisch verständigen – dabei mangele es an Dolmetschern und vor allem am Deutsch-Unterricht für jeden Ankömmling.  Beispiel: Die hessische Schulverwaltung habe in Altenstadt die „DAZ“-Sprachkurse (Deutsch für Ausländer als Zweitsprache) gestrichen. So könnten die Flüchtlingskinder aus Ortenberg kein Deutsch mehr lernen, stellte der ehrenamtliche Helfer Ludger Plümpe fest. Und in den Wohnungen müssten es Familien aus  Kurdistan, Pakistan und Marokko miteinander aushalten. „Ich finde diese Situation ziemlich unerträglich für die Familien“, so Plümpe.

Haftbefehle von der GEZ

Auch eine Sozialarbeiterin aus Nidda wusste von Problemen zu berichten: Ihre in Wohnungen untergebrachten Schützlinge bekämen immer wieder Mahnungen oder gar Haftbefehle von der GEZ, weil die Flüchtlinge die Rundfunkgebühr nicht bezahlten. Dabei seien sie von der Zahlungspflicht befreit. „Aber die GEZ kümmert sich nicht darum“. Dieser Kampf mit der Gebührenzentrale hält die Sozialarbeiterin davon ab, sich mit den vielen anderen Problemen ihrer Kunden zu befassen. Ein Sozialarbeiter ist für je 200 Flüchtlinge zuständig, hieß es während der Tagung.

So kommt es laut Ludger Plümpe oft vor, dass eine Flüchtlingsfamilie einen in Behördendeutsch abgefassten Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erhalten, in dem sie zur Ausreise aufgefordert werden. Bis ein kundiger Betreuer diesen Brief liest, ist laut Plümpe oft schon die einwöchige Widerspruchsfrist abgelaufen, in der die Flüchtlinge Widerspruch gegen die Abschiebung einlegen können.

Noch ein Problem: Etliche Flüchtlinge sind nach ihrer teils jahrelangen Flucht von  Krankheiten geplagt, berichtete Pfarrer Hermann Wilhelmy von der evangelischen Flüchtlingsseelsorgte in Gießen. Es sei schwer, Ärzte für sie zu finden und die nötige Kommunikation zu organisieren. Zudem fehle vielen Flüchtlingen die „Verpflichtungserklärung“, mit der der Staat dem Arzt die Bezahlung der Behandlungskosten zusichert.

Eingang der Flüchtlingsunterkunft in Friedberg

Eingang der Flüchtlingsunterkunft in Friedberg

Wer im Wetteraukreis gelandet ist, muss viele Angelegenheiten mit der Ausländerbehörde im Friedberger Landratsamt regeln. Einen Flüchtling habe man dort wieder weggeschickt, berichtet Ludger Plümpe – weil der junge Mann eine Minute zu spät zum Termin gekommen sei. Warum bietet die Ausländerbehörde keine Sprechstunden im Büdinger Landratsamt an? „Das ist organisatorisch nicht darstellbar. Wir arbeiten noch mit Papier-Akten“, sagte der Fachbereichsleiter Holger Gajewski bei der Tagung. Seine 21-köpfige Abteilung heißt jetzt “Willkommensbehörde“, erläuterte er. Dafür gab es Modellversuchs-Fördermittel vom Land Hessen. Kein Thema ist zurzeit, Fallmanager für die mit den unterschiedlichsten Problemen behafteten Flüchtlinge zu ernennen. Damit könne man die Bürokratie vereinfachen und den Menschen wirkungsvoller helfen, meinten mehrere Teilnehmer der Büdinger Konferenz „Kommen um zu bleiben – Integration braucht Begegnung.

Ein Fazit sprach der Giessener Flüchtlingsseelsorger Hermann Wilhelmy aus: „Wir machen es in Europa sehr deutlich, dass wir diese Menschen nicht möchten.“

 

Interkulturelle Woche

Die Brüder Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam sind aus dem Iran geflohen. Als Asylbewerber landeten sie in Deutschland. Was sie dort erlebten, beschrieben sie in einem Buch. Der Titel spricht es schon aus: „Unerwünscht“. Am Mittwoch, 1. Oktober lesen die Drei daraus im Junity an der Burgfeldstraße 19 in Friedberg.

Fast 50 Organisationen organisieren unter der Schirmherrschaft des Ersten Kreisbeigeordneten Helmut Betschel-Pflügel (Grüne) eine interkulturelle Woche. Dazu gehört auch der Kabarettabend mit Kerim Pamuk am 2. Oktober ab 19 Uhr im Badehaus 2 der Bad Nauheimer Trinkkuranlage. Das Motto: „Burka und Bikini“. Der Eintritt kostet zwölf Euro.

Die muslimische Ahgmadiyya-Gemeinde in Bad Nauheim lädt für Freitag, den 3. Oktober in ihr Moschee an der Frankfurter Straße 193 ein. Den ganzen Tag zwischen 10 und 18 Uhr.

Wie sie mit Tod und Trauer umgehen, berichten Frauen aus verschiedenen Kulturen am Montag, 29. September, ab 18 Uhr im Friedberger Kreishaus am Europaplatz im Raum 101. Schon am Sonntag, 28. Juni ab 16 bitten das Multikulturelle Orchester Gießen und Ensembles der Butzbacher Musikschule in der alten Sporthalle an der August Storch-Straße 7 zu einer musikalischen Reise. Dazu tanzt die Folklore Gruppe „Golden Anatolia TSV Butzbach“ und der Alternative Tanzclub Bad Nauheim.

Noch bis zum 28. September sendet das Veranstaltungsradio „Welle West Wetterau“ auf der UKW-Frequenz 87,8 und im Netz auf der Adresse www.radio-wewewe.de über die interkulturelle Woche.

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