Der Herr der Pilze

Pilzführung mit Peter Gwiasda und einiges über den Fliegenpilz

Peter Gwiasda

Peter Gwiasda

Von Klaus Nissen, Anton J. Seib (Film) und Corinna Willführ (Fliegenpilz)

Im Taunuswald sind Steinpilze momentan selten. Mit dem Pilzexperten Peter Gwiasda finden wir aber viele leckere Alternativen. Der Fliegenpilz gehört nicht dazu – ist aber dennoch hoch interessant.

 

 

 

Der Herr der Pilze

Im Hochtaunus ist es kühl, und es hat seit Tagen nicht geregnet. Kein guter Pilz-Tag, möchte man meinen. Trotzdem gehen wir an diesem Septembermorgen in den Wald. In zwei Stunden finden wir gerade mal zwei Steinpilze. „Die Zeit der Maronen und Steinpilze ist schon vorbei. In diesem Jahr wächst alles viel früher und intensiver,“ sagt Peter Gwiasda gelassen.

Der Pilzsachverständige aus Wehrheim ärgert sich nicht. Denn Steinpilze und die noch besser schmeckenden Teufelsröhrlinge hat er schon vor Wochen mit seiner Frau aus geheim gehaltenen Stellen im Wald geborgen. Außerdem finden wir an diesem kühlen Morgen jede Menge andere Speisepilze.
Zum Beispiel Stockschwämmchen. Dicht an dicht wachsen die nur etwa drei Zentimeter hohen Pilzchen auf abgestorbenen Fichtenstümpfen. Auf einen Schlag kann man mit ihnen eine Mahlzeit für die ganze Familie ernten. Die Stockschwämmchen haben braun- und ockerfarbene Hütchen und eher dunkle dünne Stängel. Je älter eine Kolonie ist, desto dunkelbrauner werden die Hüte.

„Man sollte nur die jungen Stockschwämme ernten“, empfiehlt Peter Gwiasda. Und zeigt auf eine Nachbarkolonie, in der ganz ähnlich aussehende Mini-Pilze wachsen. Aber sie haben gelb leuchtende Hüte: Es sind Schwefelköpfchen. „Die sind speibitter. Schaut Euch die Lamellen unter dem Hut an. Sie sind olivgrün. Der Schwefelkopf hat einen Bruder mit rauchgrauen Lamellen. Der schmeckt wiederum ausgesprochen lecker!“
Dicht an dicht sind auch die ersten Hallimasch-Kolonien zu sehen.
Diese Speisepilze haben eine etwas rauere Haut. Die Stängel gehen nahtlos in den Hut über. „Hallimasch greift auch lebende Bäume an“, sagt Peter Gwiasda. „Und im Dunkeln kannst Du die Pilzfäden leuchten sehen. Sie fluoreszieren.“
Dann die Parasole. Hochbeinig stehen sie unter den Fichten, breiten ihre graubraun geschuppten Schirme weit aus. Am Stamm auf halber Höhe haben sie einen weißen Kragen. Und manche Exemplare zeigen zarte orangefarbene Wunden, wenn man den Hut bricht. Das sind Safranschirmlinge. Die größeren Exemplare kann man panieren und wie ein Schnitzel braten.

Prima gedeihen in diesem Waldstück die Nebelkappen, auch Herbstblatt genannt.

Sie haben hellgraue Köpfe, die in der Mitte etwas dunkler sind und weiße Stängel mit Lamellen. In Linien wachsen sie entlang ihrer unterirdischen Mycele, an manchen Stellen auch im Kreis. „Die sind gut essbar“, versichert Peter Gwiasda. „Aber manche Menschen vertragen sie trotzdem nicht. Man kann es nur ausprobieren.“

Die Fichtenreizker wachsen genau wie die Nebelkappen massenhaft im Wald

Fichtenreizker

Fichtenreizker

Unter Fichten stehen sie handtellergroß in lockeren Gruppen, mit bläulichgrünen Hüten, die furchtbar giftig aus sehen. Im Zentrum leuchten diese Farben besonders intensiv. Die Ränder sind nach oben gereckt, die Lamellen weißlich. Wenn der Pilz verletzt wird, blutet er eine orangene Flüssigkeit aus. Peter Gwiasda sammelt auch diesen Pilz ein. „Du musst ihn nur stark erhitzen, damit die Bitterstoffe zerfallen. Dann kann man ihn gut essen.“

Unter Lärchen leuchtet es gülden

Mit dem schon vollen Korb sind wir nach zwei Stunden wieder am Waldrand unter den hohen Eichen. Da leuchtet es golden aus dem trockenen Laub am Boden. „Das ist ein Goldröhrling. Hier muss irgendwo eine Lärche sein. Mit der lebt dieser Pilz in Symbiose“, erzählt Peter Gwiasda. Und holt sich ein halbes Dutzend dieser leckeren Speisepilze in den Korb.

 

Goldröhrling

Goldröhrling

Auch zwei Hexeneier finden wir an diesem Tag. Sie liegen wie weiche weiße Tennisbälle auf dem Boden – ein Stiel ist nicht erkennbar. Gwiasda halbiert sie. Unter der Haut ist eine transparente Schicht schmierigen Gels. „Das wird später, wenn der Phallus austreibt, bestialisch nach Aas stinken und die Insekten anlocken.“

Peter Gwiasda mit  einem Hexenei

Peter Gwiasda mit einem Hexenei

Später, in der Küche, wird er die Haut und die Gallerte abstreifen und wegwerfen.

Querschnitt durchs Hexenei

Querschnitt durchs Hexenei

Unter der Gallerte liegt eine ebenfalls sehr weiche grüne Cremeschicht und darunter der feste weiße Kern des künftigen Phallus. Er riecht leicht nach Rettich. „Das Grüne und den Kern schneidest Du am besten in Scheiben und brätst ihn zehn Minuten lang in Butter. Das ist eine Delikatesse!“

 

 

 

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Der Fliegenpilz – giftig aber beliebt

Glücksbringer Fliegenpilz

Glücksbringer Fliegenpilz

Ein Discounter verspricht: In nur vier Tagen ist die Fototapete „It’s magic“ lieferbar. Ein Blickfang für Wohn-, Arbeits-, Schlaf- und Kinderzimmer. 100 mal 210 Zentimeter groß. Mit einem Motiv, das zu Wald, Traum und Märchen passt. Fünfstellig verstellbar ist das Greifgerät eines Anbieters für Kinderspielsachen, das ebenso wie ein „niedliches Nachtlicht“ oder der vierfarbige Einband eines Notizheftes den gleichen Namen trägt wie die Fototapete „ Fliegenpilz“ – und in der jüngsten Produktion des Musicals „Hänsel und Gretel“ in der Jungen Oper Bad Homburg gehört der Waldbewohner zur Kulisse im neu adaptierten Märchenstoff der Gebrüder Grimm.

In Wirklichkeit, also in der Natur, ist der Amanita muscaria, so der botanische Name des Fliegenpilzes, maximal bis 20 Zentimeter groß. Von Juli bis Oktober wächst er in Nadel- und Laubwäldern, besonders unter Fichten, Kiefern und Birken. Unverkennbar ist sein Hut, meist von einem leuchtenden Rot mit kräftig weißen Schuppen auf der äußeren Haut, die wie Flocken aussehen. Wer ihn – anders als im Kindertheater oder auf Glückwunschkarten zu Neujahr – also in Naturführern oder Lexika zur Pilzkunde entdeckt – begegnet dem Mitglied der Familie der Wulstlingsverwandten oft mit einem Totenkopf-Symbol. Denn der Fliegenpilz gilt als Inbegriff eines giftigen Gewächses.

Der Grund: Insbesondere im gelben Fleisch unter der Huthaut finden sich hohe Konzentrationen von Ibotensäure. Beim Verzehr des Amanita musaria können Symptome eines Rausches auftreten: Orts- und Zeitgefühl sind getrübt, ebenso die Wahrnehmung der Realität. Der Verzehr kann zu Übelkeit und Erbrechen führen. „Diese beschriebenen Symptome decken sich weitgehend mit denen, die nach der Einnahme von Muscimol auftreten, dem Hauptwirkstoff des Fliegenpilzes, der während der Trocknung des Pilzes aus Ibotensäure entsteht“, ist dazu in der Online-Enzyklopädie Wikipedia zu lesen.

Für Christian Rätsch, den Ethnopharmakologen, Spezialisten für Heilpflanzen und Experten für Drogen aller Art, ist der Fliegenpilz die „beste psychoaktive Substanz“. In einem Interview mit der Zeitschrift „Wald“ vom Januar dieses Jahres sagt er zur Wirkung von Fliegenpilz,Tollkirsche und Bilsenkraut. „Die sind alle gut, aber welche davon die beste ist, lässt sich nicht beantworten. …Die Wirkung ist nicht nur in der Menge der Pflanzensubstanz begründet, sondern auch im körperlichen und seelischen Zustand desjenigen, der sie aufnimmt.“

Auch wenn es bislang keinen einzigen Todesfall gibt, der sich ausschließlich auf den Verzehr von Fliegenpilzen zurückführen lässt, von seiner Verarbeitung und seinem Genuss ist abzuraten – selbst wenn er bis zu zwölf Stunden abgekocht wurde. Denn: „Die verbreitete Meinung, der Fliegenpilz sei nach Wegschütten des Kochwassers, entgiftet, ist falsch! Sein Verzehr erzeugt zunächst Rauschzustände, Übelkeit, später Sehstörungen, Atemnot und Tobsuchtsanfälle“ resümieren Renate und Fridhelm Volk in ihrem Buch „Pilze bestimmen und zubereiten“.

Um ihn faszinierend zu finden, muss man den Amanita muscaria ja auch nicht essen: Sondern seinen Anblick bei einem Waldspaziergang vielmehr genießen, insbesondere, wenn man einen sogenannten Hexenring erblicken kann, der entsteht, wenn der Fliegenpilz sein Myzell kreisrund verbreiten konnte.

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