{"id":917,"date":"2014-04-21T11:26:36","date_gmt":"2014-04-21T09:26:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wetterauer-landbote.de\/?p=917"},"modified":"2014-04-21T11:31:05","modified_gmt":"2014-04-21T09:31:05","slug":"der-storch-der-wetterau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wetterauer-landbote.de\/?p=917","title":{"rendered":"Der Storch in der Wetterau"},"content":{"rendered":"<h1>42 Nester besetzt<\/h1>\n<p><strong>Von Anton J. Seib<img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-918 \" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/storch.jpg?resize=256%2C223\" alt=\"storch\" width=\"256\" height=\"223\" \/><\/strong><\/p>\n<p>Geduckt sitzt der Storch im Nest, etwa zehn Meter \u00fcber den Wetterwiesen bei Steinfurth.\u00a0Ab und an blinzelt er neugierig in die Fr\u00fchlingssonne. Es ist ein warmer Aprilnachmittag, doch der gro\u00dfe wei\u00dfe Vogel schwingt sich nicht in die lauen L\u00fcfte. Das Gelege soll schlie\u00dflich warm bleiben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Der Storch in der Wetterau<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es dauert nicht mehr lange und der Nachwuchs schl\u00fcpft. Nur einmal erhebt sich das grazile Tier. Denn mit m\u00e4chtigem Schwingenschlag n\u00e4hert sich der Partner. Er landet elegant auf dem Wagenrad gro\u00dfen Nest. Und schon geht das Begr\u00fc\u00dfungs-Geklapper los, das weit \u00fcber den Wiesengrund bis hin\u00fcber zum Dorf zu vernehmen ist. Ein paar Kilometer bachaufw\u00e4rts stelzt ein Storch elegant durch die Klosterwiesen zwischen Griedel und Rockenberg. Er pickt ein B\u00fcndel vertrocknetes Gras auf und fliegt mit seiner Liebesgabe f\u00fcr die Partnerin hin\u00fcber zum Horst. Die St\u00f6rche sind wieder heimisch geworden in der Wetterau.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"St\u00f6rche in Rockenberg\" width=\"584\" height=\"329\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ODnwPSAXbAU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Und das schon seit einigen Jahren. Derzeit sind 42 Nester in der Region besetzt. Gez\u00e4hlt hat sie Udo Seum vom Naturschutzbund (Nabu) Wetterau. Die meisten dieser Storchennester thronen auf Pf\u00e4hlen. Sie wurden bereits vor Jahren vom Nabu in den Auengebieten von Wetter, Nidda und Horloff aufgestellt, mit finanzieller Hilfe des regionalen Energieversorgers Ovag.<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfem Erfolg. Das Nest in Steinfurth etwa ist zum f\u00fcnften Mal Heimstatt f\u00fcr ein Adebar-P\u00e4rchen geworden. Dagegen wurde die Nisthilfe in den Klosterwiesen erstmals besiedelt. Das Storchenpaar lie\u00df sich Ende M\u00e4rz dort nieder, so der ehrenamtliche Betreuer der Klosterwiesen, Hubertus Hipke. Kaum zu glauben. Denn die Nisthilfe mitten im riesigen Feuchtbiotop mit seinem reichen Nahrungsangebot blieb 18 Jahre unber\u00fchrt. 1996 erstmals aufgestellt, wurde es 2011 nochmals erneuert, offensichtlich diesmal zum Gefallen der Tiere.<\/p>\n<h2>300 Paare in Hessen<\/h2>\n<p>Nicht nur in der Wetterau kreisen seit Jahren wieder Adebare durch die L\u00fcfte. Auch hessenweit ist die Wiederansiedlung der St\u00f6rche eine Erfolgsgeschichte. 2012 br\u00fcteten 300 Paare. Sie zogen 650 Junge gro\u00df. Das war nicht immer so. Noch bis in die 1950er Jahre geh\u00f6rten St\u00f6rche zum Landschaftsbild in Hessen. Selbst in den D\u00f6rfern haben sich die gro\u00dfen V\u00f6gel angesiedelt. Sie nisteten auf Telegrafenmasten, Schornsteinen oder Schuld\u00e4chern. Futter hatten sie gen\u00fcgend. Auf den \u00c4ckern oder in den Bachauen fanden sie M\u00e4use, Fr\u00f6sche, Larven und W\u00fcrmer. Damit war es bald vorbei. Die Landwirte entdeckten Fungizide und Pestizide. Feuchtgebiete wurden rigoros trocken gelegt. D\u00fcrrekatatstrophen in der Sahelzone kamen dazu. In den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde in der Wetterau kein einziger Storch mehr gesehen.<\/p>\n<p>Das lie\u00df die Vogelsch\u00fctzer nicht ruhen. In den 1990er Jahren machten sie sich stark f\u00fcr die Ausweisung von Auenschutzgebieten. Exemplarisch sei das Feuchtgebiet Bingenheimer Ried genannt, das unter anderem auf Betreiben von Udo Seum angelegt wurde. In diesem inaturnahen Lebensraum wurden auch die ersten Storchenmasten installiert. Allm\u00e4hlich entdeckten einige Pioniere die neuen Nistm\u00f6glichkeiten. Seit 2005 w\u00e4chst der Bestand der Wei\u00dfst\u00f6rche st\u00e4ndig, von zun\u00e4chst neun Brutpaaren bis heute 42.<\/p>\n<p>Um die Ansiedlung und das Zugverhalten der Wei\u00dfst\u00f6rche genauer kennenzulernen, werden die Jungtiere beringt. Im Wetteraukreis macht das Storchen-Papst Seum. Kehren die St\u00f6rche im n\u00e4chsten Fr\u00fchling zur\u00fcck, f\u00fchrt Vogelkundler genau Buch, wer sich niederl\u00e4sst. Ausger\u00fcstet mit einem Spektiv, einem speziellen Fernrohr f\u00fcr Ornithologen, inspiziert Seum die Nester und liest die Daten an den Ringen ab. \u201eDie meisten St\u00f6rche sind beringt\u201c, so der ehrenamtliche Vogelkundler. Und die Ringe sind f\u00fcr Seum wie ein Logbuch. Sie geben Auskunft \u00fcber Herkunft, Alter, Standorttreuen oder Zugverhalten. Der erste Storch wurde bereits 1902 beringt, seither wurde diese Identifizierungsmezthoder immer weiter verfeinert.<\/p>\n<h2>Legendenumwoben<\/h2>\n<p>Fr\u00fcher k\u00fcndigten die St\u00f6rche den nahenden Fr\u00fchling an. Sie waren legendenumwoben, denn sie galten als wahre Langstreckenflieger. Ihre Route reichte von der Wetterau \u00fcber Gibraltar bis nach Nordafrika &#8211; und zur\u00fcck. Nur so konnten sie der k\u00fchlen Witterung im n\u00f6rdlichen Europa entfliehen. Heute haben sie sich dem Klimawandel angepasst. Viele fliegen nur noch noch nach Spanien oder S\u00fcdfrankreich. Dort \u00fcberwintern sie oft auf M\u00fcllkippen, dort finden sie reichlich Nahrung. Wohlgen\u00e4hrt kehren sie Monate sp\u00e4ter zur\u00fcck und der Kreislauf beginnt von vorn.<\/p>\n<p>Ob das Steinfurther P\u00e4rchen bereits fr\u00fcher dort nistete, wei\u00df Seum nicht. Noch hat er den Horst im Wettertal nicht kontrolliert. M\u00f6glich ist es. M\u00f6glich ist aber auch eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Die Storchen-M\u00e4nnchen kehren zuerst in die Brutgebiete zur\u00fcck. Sie suchen geeignete Nester, am liebsten jene, die sie kennen, und besetzen sie. Denn St\u00f6rche sind standorttreu. Aber nicht partnertreu. N\u00e4hert sich ein attraktives Weibchen, wird es begattet. Aber wehe, die fr\u00fchere Partnerin kommt nach und st\u00f6rt das junge Gl\u00fcck. \u201eDann gibt es K\u00e4mpfe, die nicht selten zum Tod einer Kontrahentin f\u00fchren. Gewinnt die alte Partnerin, wirft sie die Eier der besiegten Rivalin aus dem Nest und paart sich mit dem M\u00e4nnchen\u201c, erz\u00e4hlt Seum. Mitunter spielen sich sogar regelrechte Liebesdramen ab. Seum: \u201eIn einem Fall flog die Vorjahrespartnerin zu einem anderen Nest, was ihrem fr\u00fcheren Partner gar nicht passte. Er folgte ihr und umwarb sie so heftig, dass sie wieder mit in ihr altes Nest flog.\u201c<\/p>\n<p>Noch ist die Erfolgsgeschichte nicht zu Ende. Jahr f\u00fcr Jahr werden weitere Storchen-Plateaus aufgestellt. Etwa in diesem Jahr in Berstadt und Leidhecken. Prompt lie\u00dfen sich dort Paare nieder. Und manchmal schl\u00e4gt auch hergebrachtes Verhalten durch. In Staden nistet ein Storchenpaar wie in fr\u00fcheren Zeiten auf einem Schornstein, ein anderes ebenfalls auf einem Kamin in einem Hofgut in Lindheim.<\/p>\n<p>Immer wieder blicken die Menschen staunend in den Himmel und beobachten die grazilen Tiere bei ihren Flugman\u00f6vern. Wenn sie ein paar Fl\u00fcgelschl\u00e4gen H\u00f6he gewinnen, kreisend nach Thermik suchen, sich in die H\u00f6he schrauben und anschlie\u00dfend minutenlang \u00fcber uns schweben, dann wird aus einem Wei\u00dfstorch pl\u00f6tzlich ein fabelhaftes Wesen: ein Langbein, ein Adebar, ein Kinderbringer oder ein Heilbot, der vom nahen Sommer k\u00fcndet.<\/p>\n<h4>St\u00f6rche und Mythen<\/h4>\n<p>Der Storch hat in Deutschland viele Namen: Heilebar, Heilbot oder Heinotter \u2013 vor allem aber Adebar. Diese aus dem Niederdeutschen kommende Bezeichnung bedeutet urspr\u00fcnglich \u201eSumpfg\u00e4nger\u201c, wurde aber bald in \u201eGl\u00fcck und\/oder Besitz bringend\u201c umgedeutet. Im deutschen W\u00f6rterbuch der Br\u00fcder Grimm von 1891 hei\u00dft es: Wer das Gl\u00fcck hat, dass die St\u00f6rche ihr Nest auf sein Haus oder seinen Schornstein bauen, der wird lang leben und reich werden.<\/p>\n<p>Der Sage nach werden die Kinder vom Storch gebracht. Die Legende vom Storch, der die Kinder bringt, basiert wahrscheinlich auf altem Heilwissen und bezieht sich nicht auf den Schreitvogel, sondern auf das\u00a0Heilkraut Storchschnabel\u00a0(Geranium robertianum L.). Ein Tee aus dem Kraut, t\u00e4glich von beiden Elternteilen kalt zu trinken, soll bisher versagten Kinderwunsch erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Bei den alten \u00c4gyptern war der Storch Sinnbild f\u00fcr kindliche Dankbarkeit. Die alten Griechen glaubten, dass fl\u00fcgge gewordene St\u00f6rche ihre Eltern ern\u00e4hrten. F\u00fcr die R\u00f6mer war der Storch das Symbol f\u00fcr Elternliebe.<\/p>\n<p>Bei vielen V\u00f6lkern galten St\u00f6rche als Gl\u00fccksbringer. Deshalb war die Ansiedlung auf Geb\u00e4uden oder Tempeln erw\u00fcnscht. \u00a0In manchen Orten war es Brauch, dass der T\u00fcrmer im Fr\u00fchjahr die Ankunft der St\u00f6rche mit einem besonderen Hornsignal allen anzeigen musste.<\/p>\n<p>Dem Magen des Storches wurde besondere Heilkraft zugeschrieben, er galt als Seelentr\u00e4ger, weil er sich von im dem Boden lebenden Tieren n\u00e4hrte, die die Seelen Bestatteter aufgenommen hatten.<\/p>\n<p>In vielen L\u00e4ndern S\u00fcdosteuropas im Nahen Osten oder in Nordafrika glaubten die Menschen, dass St\u00f6rche die Toten verk\u00f6rpern. Der griechische Philosoph Plutarch behauptete, St\u00f6rche personifizierten die Seelen toter Poeten.<\/p>\n<p>In manchen Teilen Europas sehen die Menschen im Storchen einen Vogel, der Gl\u00fcck, Wohlstand und Rekordernten bringt. So kommt der holl\u00e4ndische Name des Storchs &#8211; Ooievaar &#8211; aus altdeutschem Odobero, das Gl\u00fcck bringen bedeutet, (Ode &#8211; Gl\u00fcck, baren &#8211; bringen). In Deutschland hat der Storch den Beinamen Meister Adebar.<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.future-on-wings.net\/fabelhaft.htm\" target=\"blank\">future-on-wings<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/lesekreis.org\" target=\"blank\">lesekreis<\/a><\/p>\n<p><strong>Wer kennt Mythen, Legenden, Anekdoten rund um Meister Adebar? Die interessantesten Hinweise, die am\u00fcsantesten Geschichten werden pr\u00e4miert.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>42 Nester besetzt Von Anton J. Seib Geduckt sitzt der Storch im Nest, etwa zehn Meter \u00fcber den Wetterwiesen bei Steinfurth.\u00a0Ab und an blinzelt er neugierig in die Fr\u00fchlingssonne. 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