{"id":1034,"date":"2014-06-17T13:05:37","date_gmt":"2014-06-17T11:05:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wetterauer-landbote.de\/?p=1034"},"modified":"2014-06-17T13:05:37","modified_gmt":"2014-06-17T11:05:37","slug":"das-verschwinden-der-kuehe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wetterauer-landbote.de\/?p=1034","title":{"rendered":"Das Verschwinden der K\u00fche"},"content":{"rendered":"<p>In Wetzlar beginnt am 1. Juli das Ochsenfest. In den D\u00f6rfern gibt es kaum noch K\u00fche,\u00a0 <a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/2049.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-1035 \" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/2049.jpg?resize=254%2C168\" alt=\"2049\" width=\"254\" height=\"168\" \/><\/a> beklagt\u00a0 Landbote-Autorin Ursula W\u00f6ll. Sie bedauert das Verschwinden des d\u00f6rflichen Ambientes, ohne sich allerdings als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt zu begreifen. Sie lobt die wenigen verbliebenen Vertreter der artgerechten Kuhhaltung, die nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch gr\u00fcne Wiesen gegen wuchernden Asphalt verteidigen. <!--more--><\/p>\n<h1>Das Ochsenfest und das Verschwinden der Ochsen im Alltag<\/h1>\n<p><strong>von Ursula W\u00f6ll<\/strong><\/p>\n<p>Am 1. Juli beginnt das &#8218;Ochsenfest&#8216; in Wetzlar, das eine lange historische Tradition hat. Es erinnerte mich daran, dass K\u00fche fast ganz aus unserer t\u00e4glichen Umwelt verschwunden sind. Hier in Wetzlar-Dutenhofen h\u00e4lt nur noch Dieter Sch\u00e4fer etliche dieser sch\u00f6nen Gesch\u00f6pfe. Im letzten Sommer gab es noch die kleine Herde von Werner G\u00fcmbel, mitsamt einem m\u00e4chtigen, aber harmlosen Bullen. Wenn man von Wetzlar-Garbenheim in den Ort fuhr, sah man sie friedlich grasen oder wiederk\u00e4uen, ein oder zwei K\u00e4lber in ihrer Mitte. Werner, ein Schulkamerad von mir, musste sie nat\u00fcrlich \u00f6fter auf eine neue Weide bringen. Das geschah mit einem Helfer. Beide trieben die Tiere in ein Gatter hinter dem Traktor. Werner fuhr dann im Schritt-Tempo zur neuen Weide, das Rinderv\u00f6lkchen musste hinterhertrotten. Da aber K\u00fche keineswegs bl\u00f6d sind, kannten sie den Ablauf und freuten sich wohl auf das frische Gras, denn man vernahm nur vereinzeltes Muhen. Auch am neuen Platz musste f\u00fcr Stromanlage, Wasserwagen und Salzstein gesorgt werden. Solch artgerechte Tierhaltung erfordert viel Arbeit, die man nicht einfach mal auf den n\u00e4chsten Tag verschieben kann.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/1048.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-1036\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/1048.jpg?resize=533%2C1024\" alt=\"1048\" width=\"533\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/1048.jpg?resize=533%2C1024 533w, https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/1048.jpg?resize=156%2C300 156w, https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/1048.jpg?w=1825 1825w, https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/1048.jpg?w=1168 1168w, https:\/\/i0.wp.com\/www.wetterauer-landbote.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/1048.jpg?w=1752 1752w\" sizes=\"auto, (max-width: 533px) 100vw, 533px\" \/><\/a><\/p>\n<h3>Tim Nern (oben)\u00a0 mit seiner Galloway-Herde und Felix Kramer mit seinen rotbraunen Vogelsberger H\u00f6henrindern.<\/h3>\n<p>Werner G\u00fcmbel starb leider im Februar und mit ihm sein Hobby, das dem Stadtteil mit den beiden Superm\u00e4rkten noch einen d\u00f6rflichen Anstrich gab. Nun wohnen also nur noch die K\u00fche der Familie Sch\u00e4fer in Dutenhofen. Einige stehen im Stall, als einzig verbliebene Milchk\u00fche in ganz Wetzlar, deren Milch von der Hochwald-Molkerei in Hungen abgeholt wird. Die anderen sind Ammenk\u00fche und stehen mit ihren K\u00e4lbern auf der Weide. Wie schade, dachte ich, dass ein ehemals landwirtschaftlich gepr\u00e4gtes Dorf einen so enormen R\u00fcckgang erlebt. Doch auch in den \u00fcbrigen Stadtteilen fand diese rasante Ver\u00e4nderung statt. Obwohl wir statistisch immer mehr Fleisch essen, sind die K\u00fche in den Wetzlarer Ortsteilen weitgehend unsichtbar geworden. Unser Fleisch kommt aus wenig artgerechter Massentierhaltung und wird viele Kilometer weit transportiert.<\/p>\n<h2>Das Verschwinden der K\u00fche<\/h2>\n<p>Im Stadtteil Steindorf gibt es \u00fcberhaupt niemanden mehr, der K\u00fche h\u00e4lt. Daf\u00fcr entdeckte ich den Vollerwerbsbetrieb Zimmermann in W-Hermannstein, den einzigen in Wetzlar. Seine \u00fcber 200 Limousin- und Charolais-Fleischk\u00fche grasen hinter Garbenheim auf Weiden der Lahnaue, die weder ged\u00fcngt noch gespritzt werden. Zwischen diesen beiden Polen gibt es noch einige Kuhhalter mit wenigen K\u00fchen, die an ihrem Feierabend unserer kulturellen Vielfalt unsch\u00e4tzbare Dienste leisten. In W-Hermannstein sind das Karl-Wilhelm Klees und Erwin Debus, In W-Nauborn stehen acht Ammenk\u00fche auf dem Aussiedlerhof Hofmann. In W- Blasbach sind zwei Halter verblieben, Karlheinz Braun mit sieben wei\u00dfen Charolais und Dieter Str\u00f6hmann, der eine Mutterherde von Charolais-K\u00fchen im Nebenerwerb versorgt und mit ihnen wichtige Landschaftspflege leistet. In W-Naunheim h\u00e4lt der Hof Bittner sieben K\u00fche,, und in W- M\u00fcnchholzhausen verblieben Thomas Kinzenbach, aber auch Tim Nern. Der 22j\u00e4hrige gelernte Tierpfleger Nern arbeitet in Frankfurt und versorgt seine kleine Herde nach der Heimfahrt. Sie besteht \u00fcberwiegend aus zotteligen dunkelbraunen Galloways, die keine H\u00f6rner haben. Ein hellfarbener, friedlicher Bulle vervollst\u00e4ndigt die Herde. Die Tiere kommen sofort, wenn Nern ihre Namen ruft, sollen aber wegrennen, wenn der Tierarzt auftaucht.<\/p>\n<p>Freudig \u00fcberrascht war ich, als ich bei meinen Nachforschungen noch auf einen zweiten jungen Halter stie\u00df. In W-Garbenheim h\u00e4lt der 20j\u00e4hrige Felix Kramer sieben rotbraune Vogelsberger H\u00f6henrinder, die in ihrem Bestand gef\u00e4hrdet sind. Von ihnen, die einst in unseren D\u00f6rfern \u00fcblich waren und Zugdienste leisteten sowie Fleisch lieferten, gibt es noch 400 in ganz Hessen und bundesweit nur wenig mehr. Kramer ist Dachdeckergeselle im elterlichen Betrieb, und auch er schaut t\u00e4glich nach seinen rotbraunen Tieren. Ich bin dabei, als sie auf eine neue Weide gebracht werden, die gl\u00fccklicherweise nahe liegt. Eine reizende pastorale Szene &#8211; wenn man nur zuguckt wie ich. Kramer muss schuften und springt wie eine Gemse hangauf und -ab. Er sichert den Weg mit Schn\u00fcren, f\u00fcttert Getreideschrot zu und f\u00fcllt den Wasserwagen mittels langer Schl\u00e4uche. Beim Treiben helfen ihm seine mit dem Moped eintreffende Schwester Sophie und Cecile Wagner, die selbst Pferde h\u00e4lt. Auch in Kramers kleiner Herde gibt es einen jungen Stier. Die fast erwachsenen Zwillinge, die ab und zu noch an ihrer Mutter saugen, haben einen anderen Vater. Kramers Stier hat Angst vor mir, gleicht also nicht dem Stier der Mythologie, in den sich Zeus verwandelte, um Europa auf seinem R\u00fccken nach Kreta zu entf\u00fchren. Ich verstehe den Ausrei\u00dfer, denn auch ich gleiche nicht der jungen und sch\u00f6nen Europa, die unserem Kontinent den Namen gab.<\/p>\n<p>Ob das Fell nun zottelig oder glatt ist, von K\u00fchen geht eine gro\u00dfe Ruhe aus, eine kreat\u00fcrliche Pr\u00e4senz. Ihr Fressen erzeugt ein monotones leises Ger\u00e4usch, so dass sich beim Zuschauen Bilder vor mein geistiges Auge schieben. Sieht nicht die mit dem Namen Flora einer Stierzeichnung \u00e4hnlich, die unsere Vorfahren vor 12000 Jahren an die W\u00e4nde der H\u00f6hle von Lascaux malten? Dann kommen mir alt\u00e4gyptische Darstellungen der Feldarbeit mit Ochsen in den Sinn, die ebenfalls mehrere tausend Jahre alt sind. Ich denke auch an die 16 gro\u00dfen K\u00fche aus Stein, die man im Mittelalter auf die T\u00fcrme der gotischen Kathedrale in Laon setzte, um ihnen Achtung zu zollen. Denn in unserer Geschichte war das Rind unverzichtbar, um die Existenz zu sichern. W\u00e4hrend ich zarte M\u00e4uler streichele, sehe ich mich selbst als Kind auf dem Heuwagen, der von zwei K\u00fchen, nat\u00fcrlich Vogelsberger H\u00f6henrindern, gezogen wird. Diese so alte, fast symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Rind ist in den Industriel\u00e4ndern nun vorbei.<\/p>\n<p>Traktoren, F\u00fctter- und Melkmaschinen im engen Gro\u00dfstall erledigen alles schneller. Sogar der Schlachthof arbeitet mit Flie\u00dfband. Viel Futter wird importiert, das woanders Fl\u00e4chen f\u00fcr menschliche Nahrungsmittel verbraucht. Wir in den reichen L\u00e4ndern k\u00f6nnen unser Fleisch nun billig kaufen und es t\u00e4glich auf den Tisch bringen. Aber unterm Strich gesehen: Ist das wirklich Fortschritt, wenn ein St\u00fcck Poesie nach dem anderen aus unserem t\u00e4glichen Blick verschwindet? Ein Hoch also auf die verbliebenen Vertreter der artgerechten Kuhhaltung, die nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch gr\u00fcne Wiesen gegen wuchernden Asphalt verteidigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Wetzlar beginnt am 1. Juli das Ochsenfest. 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